Kim AR Jollenkreuzer

Kleine trailerbare Boote die sich zum Jollenwandern (engl. dinghy cruising) eignen interessieren mich schon seit geraumer Zeit. Ich selber besitze eine Kim AR Jollenkreuzer. Nachfolgend ein paar grundlegende Daten zu den Kim Booten und dem “rasenden Sägewerk” im Besonderen.

Der Kim – Jollenkreuzer ist ein Segelboot aus Faser verstärktem Kunststoff (GFK) mit Kajüte und Hubkiel, das ab den 1960er-Jahren von der Firma Hermes-Plastik bzw. später von der Kim Boote GmbH in Saarbrücken hergestellt wurde. Mit ihren guten Segeleigenschaften ist die Kim als Wander-, Freizeit- aber auch Regattajolle handlich zu segeln. Dank des klappbaren Ruders und des aufholbaren Schwerts oder Ballastkiels ist die Kim für flache und tidenabhängige Gewässer gut geeignet. Die Möglichkeiten zum einfachen Trailern und Slippen sind weitere Merkmale des Boots. Die Kim ist ein sportlicher Jollenkreuzer aber mit Betonung auf „Jolle“, zumindest bei den Typen C, A und AR.

 Geschichte

Der Konstrukteur der Kim Boote ist Dipl.-Ing. Armin Philipps, ein gebürtiger Saarländer aus Dudweiler bei Saarbrücken. In Aachen hatte er Eisenhüttenkunde und Maschinenbau an der TU studiert. Seit seines Studiums betrieb er mit seiner Mutter Frau Liesel Philipps und deren Lebensgefährten, Ferdinand Adam, einem gelernten Bootsbaumeister, zusammen eine Werft bei Saarbrücken, die Hermes Plastik. Aus dieser ging ca. um 1978 die Kim Boote GmbH hervor. Seit 1968 wurden verschiedene Typen der Kim bis hin zur Kim Max unter der Leitung von Philipps produziert. Kurz nach dem überraschenden Tod von Adam und dann auch Philipps, wurde Ende 1999 die Produktion der Boote endgültig eingestellt. Somit ging eine Ära der kontinuierlichen Entwicklung und Innovation im Bootsbau zu Ende.

Es gab über viele Jahren bei den Kim Jollenkreuzern den geraden Steven, der segeltechnisch eindeutig besser war, aber bei den Kunden optisch nicht an kam, so dass 1979 wieder auf den schrägen Yachtsteven zurückgegangen wurde. Im Vergleich haben heute fast alle Yachten einen geraden Steven, somit war Armin Philipps dem modernen Yachtdesign teilweise um Jahre voraus. Er war ein Pionier der kleinen Jollenkreuzer, der leider weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. So experimentierte er auch in den 90iger Jahren schon mit Strickleitermasten, um Windwiderstand und Reibungsverluste zu minimieren, sowie einem seitlich schwenkbaren Kiel, so daß ein Boot stets aufrecht segeln konnte. Alles dies sind Komponenten, die sich heute nicht mehr von professionellen Off-shore Racing Yacht wegdenken lassen.

 Die Entwicklung

Bei dem Rumpf des Kim-Jollenkreuzer handelte es sich ursprünglich um eine Weiterentwicklung der Lis-Jolle[1], die anfänglich auch ein Entwurf der Hermes Plastik Werft war. Dem Kim-Jollenkreuzer Typ Kim C von 1968 mit rundlichem Aufbau folgte später der Backdecker Kim A und Kim AR mit kantigerem breitem Deck. Der Typ C einspricht von der Rumpfform im Wesentlichen dem Lis-Jollenkreuzer. Neben der A-Reihe wurde 1968 auch in der B-Reihe die Kim Jolle Typ B gebaut, aus der später die Kim Kieljolle Typ B entstand.

Ab 1976 löste die die Kim A den Typ C ab. Die Kim A wurde mit ihrer kantigen Backdeckform bis etwa 1979 bebaut. Schon 1978 erhielten die Kim A, sowie auch die Kim B Jolle des üblichen schrägen einen geraden Steven, was eine noch längere Wasserlinie ermöglichte, um so die Rumpfgeschwindigkeit zu erhöhen.

In der Kim AR, dem Nachfolger des Typ A wurde dieser jedoch wieder verworfen. Die Wasserlinie der Kim AR wurde jedoch nicht gekürzt, sondern die Gesamtlänge um 20 cm verlängert. Die Kim AR wurde in dieser Form bis Ende der 1990er-Jahre gebaut, und diente auch als Vorlage für die Entwicklung des größeren Schwesterschiffes der Kim Max, die ca. 1982 auf den Markt kam.

Alle Aufbauten, Einzelformen und Innovationen der Kim Boote stammen aus der Feder von Dipl.-Ing. Philipps persönlich. Die Rümpfe allerdings wurden immer von einem ehemaligen Studienkollegen, Dr. Segger aus Hamburg, dem Konstrukteur des Seggerling und des Diabolo, entworfen.

In einem Bericht aus dem Buch Bootsparade – Ein Jahrbuch des Bootsbaus von 1964 wurde der Kim-Jollenkreuzer wie folgt dargestellt:

„deutsches KS (Küstensegel)-Boot, das wahlweise mit Schwenkkiel oder Ballastschwert angeboten wird. Durch Auftriebstanks seitlich und im Vorschiff bleibt das Boot auch im vollgelaufenem zustand noch schwimmfähig. Die KIM ist ein Wanderboot für kleine Familien. Durch den veränderbaren Tiefgang ist das Boot besonders für flache und tidenabhängige Gewässer geeignet, in erster Linie aber für Binnenreviere. Die KIM hat ausgewogenen Segeleigenschaften und ist bei leichten Winden sehr schnell. An der Kreuz läuft sie gute Höhe, ein breites Achterschiff sorgt für Formstabilität. In der abschließbaren, ausgekleideten Kajüte gibt es 2 feste Schlafplätze, in den Seitentanks 2 Kinderkojen. Ein WC gibt es nicht an Bord, eine Pantry ist ebenfalls nicht vorgesehen. Das selbstlenzende Cockpit bietet 4 Personen bequem Platz, durch einen hohen Süllrand werden sie geschützt. Im Achterschiff gibt es zusätzlichen Stauraum. Zur Serienausstattung gehören Winden und Zubehör für den Schwenkkiel, Fußgurte und Ankerleine“

Von den verschiedenen Bootstypen der Hermes Plastik und später der Kim Boote Werft wurden in 50 jähriger Tätigkeit ca. 2000 Boote gefertigt, die noch heute zahlreich auf in- sowie ausländischen Binnen- und Küstensegelrevieren zu finden sind.

Die Kim-A, B und AR haben einen Yardstick von 122.
Eine Klassenvereinigung für die Kim gab und gibt es keine.

Der Bootsbau

Der Rumpf des Kim-Jollenkreuzers ist ein Rundspant, mit langer Wasserlinie und scharfer Wasserabrisskante am Spiegel. Bei der Kim AR ist der Steven wieder leicht angeschrägt; beim Vorläufer der Kim A, war der Steven als gerade Form eingeführt worden.

Die Außenhaut der Kim besteht aus glasfaserverstärktem Polyester in Wandstärken zwischen 6 und 12mm. Darauf befindet sich Gelcoat. Zur Versteifung des Rumpfes sind 330 Ltr. PU-Hartschaumkörper eingebaut, die einen zusätzlichen Auftrieb bewirken. Damit ist der Kim-Jollenkreuzer nahezu unsinkbar und durch den 80kg schwenkbaren Ballastkiel ist sie kentersicher. Das aufrichtende Moment ist bei 90° Grad Krängung noch so groß, daß sich das Boot auch mit zwei Leuten in der Pilcht gut wieder aufrichtet.

Die Kim ist CE zertifiziert nach der EU Sportbootrichtlinie 94/25/EG für die Kategorie C – „Küstennahe Gewässer“ d.h. für Bereiche in denen Wetterverhältnisse bis einschließlich 6 Bft und Wellenhöhen bis 2m auftreten können. Alle Beschläge bestehen aus nichtrostenden Edelstahl oder Aluminium.

Das Kajütboot bietet laut Prospekt Platz für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Tatsächlich können in der Schlupfkoje evtl. zwei Erwachsene liegen. Die sogenannten Hundekojen sind schmal und werden hauptsächlich für Ausrüstung gebraucht. Die Kim AR hat mit herabgelassenem Hubkiel einen Tiefgang von 1,0 Meter, bei aufgeholtem Kiel von ca. 30 cm. Bei wachsenden Geschwindigkeiten tritt meistens im Kielkasten ein ungewohntes Sägegeräusch auf, das von dem vibrierenden Schwertfall herrührt. Alle Bootstypen mit freilaufendem Schwertfall leiden unter diesem Phänomen. Die Kim wurde aufgrund dieser Erscheinung auch schon respektlos als „rasendes Sägewerk“ bezeichnet.

Der Aluminium-Mast hat eine Länge von 6,4 Meter. Das Rigg wurde Van de Nuet geliefert. Der Mast ist sehr hart und wird durch Stahlwanten am Kajütaufbau und durch das Vorstag stabilisiert. Zur weiteren Aussteifung ist der Mast mit Salingen versehen. Der Mast lässt sich mit geringem Aufwand legen, wodurch niedrige Durchfahrten kein Problem darstellen. Zur Erleichterung des Mastlegens hatte Dipl.-Ing. Philipps eigens spezielle Mastlegevorrichtungen entwickelt.

Der Kim-Jollenkreuzer Typ A, B und AR waren von Anfang an mit einem zu dieser Zeit modernen, teilweise durchgelatteten Großsegel ausgestattet, wie man es auch von Katamaranen her kannte. Die Fock überlappte das Großsegel leicht und die Position der Fock konnte über die Anschlagsleiste am Bugkorb verändert werden.

Das Großsegel hat eine Fläche von 7,8 m², die Normalfock von 5,2 m² und die Genua von 6,4m². Das Großsegel besaß ursprünglich eine Reffreihe. Die Segel der Kim wurden teilweise vom Segelhersteller Deuter geliefert.

Der Lümmelbeschlag ist fest mit dem Baum verbunden. Die Trimmmöglichkeiten sind einfach gehalten und lassen sich teilweise während der Fahrt nur bedingt verändern. Das Boot hat einen Baumniederholer und das Vorstag wird, bei Booten mit Rollrefanlage, über eine Talje gespannt. Viele Kim Boote besitzen auch einen Travellerbügel über den Heckkasten, dies war laut Preisliste eine nachrüstbare Option. Die Holepunkte der Fock und Genua sind über Schlitten an den Kajüten- bzw Süllrandseiten verstellbar.

Laufendes Gut

Großfall                    6 mm

Dirk                            6 mm

Großschot                  10 mm

Vorschot                     10 mm

Baumniederholer      5 mm

Reffbensel                  8 mm

Vorstagtalje               6 mm

5 Responses to Kim AR Jollenkreuzer

  1. George says:

    Moin, Bernd!
    Falls es Dich noch gibt: Mir ist gerade antiquarisch ein 8seitiger DIN A5 Prospekt der Hermes Plastik GmbH zugelaufen, aus den 60er Jahren. Inhalt: Werung für die Moth Pacific, Lis-Jolle, Lis-Jollenkreuzer. Alle drei: Konstrukteur Segger. Für die Werft zeichnet Gade.
    Grüße!
    George

    • bg1006 says:

      Hallo George,
      ja mich gibt’s schon noch. Leider kommt mein Hobby aufgrund des Jobs entschieden zu kurz. Ich habe die Kim dieses Jahr nur zwei Mal auf dem Wasser gehabt. Reparaturen und Umbauten haben überhaupt nicht stattgefunden. Bräuchte dringend mal wieder Anti-Fouling, aber auch dass muss bis in nächste Jahr warten.
      Das Dr. Segger die Lis konstruiert hatte war mir bekannt. Ich habe mit Ihm zu diesem Thema vor einigen Jahren mal ein längeres Telefonat geführt, in dem er mir bestätigt hat, dass er der verantwortliche Konstrukteur war. Garde, Segger und Phillipps waren wären der Studienzeit scheinbar befreundet. Segger und Philipps haben sich auch immer wieder zu Entwicklungen der Kim ausgetauscht. Auf Garde war Segger nicht allzu gut zu sprechen. Garde hatte wohl den Riss der Lis übernommen und Segger dafür nie irgendwelche Lizenzgebühren bezahlt. Die Kim stammt auch aus Seggers Feder, die hat er für Phillips auf der Grundlage der Lis weiterentwickelt. Habe damals Segger auch gefragt ob er noch Pläne von der Kim hat. Er konnte aber leider keine finden.
      Wenn Du mir eine Kopie des Prospekts schicken könntest wäre das echt super.
      Jetzt wünsche ich Dir erstmal schöne Feiertage und immer eine Handbreit…
      Grüße.
      Bernd

  2. Robert says:

    Hallo,

    ich habe seit kurzem eine Kim AR (Bj. 1979) auf der Goitzsche bei Bitterfeld und ein paar Fragen an Kenner des Bootes.

    Das Ruderblatt schwimmt bei Fahrt auf etwa 45 Grad auf, was bei Schräglage die nutzbare Fläche unangenehm verringert. Es gibt ein Fall zum Aufholen, aber das Gewicht reicht nicht, um das Blatt unten zu halten. Gibt es bei Euch eine Art Niederholer-Fall, und wie wird es geführt?

    Unser Mast steht schräg nach vorn: Er ist im ersten Loch des Mastfußes fixiert, die Wanten bereits stehen sehr stramm (angeschlagen nicht am Kojenaufbau, sondern an der Verbindung von Rumpfober- und Unterschale). Ein Vorstag gibt es nicht, auch keine Talje dort. Das Vorliek der Rollreff-Fock hat nur wenig Spannung und bildet auch das Vorstag – mehr Spannung dort würde noch mehr Neigung gen Bug bedeuten. Ein Achterstag ist im Kim-Trimm nicht vorgesehen, aber einen aufrechten Mast hätte ich schon gern. Kennt Ihr Lösungsansätze?

    Ich bin für jeden Austausch dankbar – und vielleicht auch Informationen über weitere Kim-Segler und ihre Reviere!

    Danke sagt

    Robert

    • bg1006 says:

      Hallo Robert,

      Zum Ruderblatt kann ich nicht viel sagen, da meines wohl bei einem Schaden des Vorbesitzers kaputt ging und durch eine Holzblatt ersetzt wurde. Jedoch hat mein Holzruderblatt einen Auf- wie auch Niederholer. Wie das bei den original Blättern ausgesehen hat, kann ich wie gesagt nicht beurteilen.

      Zum Thema Mast kann ich Dir jedoch folgendes sagen. Auch mein Mast scheint, vom Steg aus betrachtet und ohne nennenswerte Last in der Plicht immer etwas mit Mastfall bugwärts zu stehen. Sobald jedoch Personen in der Plicht sind sieht das ganze nicht mehr so wild aus. Ich habe auch noch keine Leegirigkeit feststellen können, was bedeutet, dass der Trimm wohl ausgewogen ist. Weiterhin muss man wissen, dass die Kim wohl mal einen Motor in der Backkiste enthalten hat. Zumindest muss wohl sein Gewicht, ich schätze ca. 15kg, irgendwie beim Trimm berücksichtigt worden sein. Um den Mastfall etwas zu verbessern habe ich einen Hartholzkeil zwischen Mastschiene (OK Decksaufbau) und Mastfuss geschoben. Bei meiner Kim AR geht das, weil der Mastfuss auf einer U-Schiene aufsteht. Bei früheren Version war das eine Platte, da wird das wohl eher etwas komplizierter.

      Grundsätzlich sollte Deine Fock aber eine Talje besitzen. Zumindest ist dass der Punkt an dem ich Spannung in mein Rigg bringe. Das ließe sich aber sehr einfach über zwei kleine Blöcke mit Klemme lösen. Bei mir gibt es ein zusätzliches Vorstag, welches sobald Spannung über die Rollfocktalje aufgebracht wird durchhängt. Es hat nur die Funktion den Mast zu halten sobald die Rollfock und damit das ganze Rigg entsannt wird.

      Ich hoffe, dass hilft Dir etwas weiter.

      …immer eine handbreit…

      Gruss Bernd

  3. Robert says:

    Lieber Bernd,
    vielen Dank für die ausführliche Antwort! Ein improvisiert nachgerüsteter Niederholer mit Expander-Unterstützung hat dem Ruderproblem abgeholfen.
    Zur Maststellung: Der Massetrim kann natürlich ein Argument sein, überzeugt mich aber nicht vollständig – das Bild hier im Blog spricht halt eine andere Sprache. Mein Mastfuß (Bj.1979) lässt keine Keil-Unterlage zu. Ich überlege jetzt, neue Montagepunkte für die Püttings der Wanten (weiter heckwärts) im Rumpfrand (Naht Ober-Unterschale) anzubringen und dadurch etwas mehr Neigung nach hinten zu erzeugen. Aber auch das überzeugt mich nicht richtig, vorher muss es ja auch geklappt haben!
    Zur Talje an der Fock – kannst Du dazu ein Foto zeigen? Ich habe so gar keine Vorstellung, wo die sitzen soll!
    Und zuletzt – wo liegt Dein Boot?
    DANKE und gleichfalls …immer eine Handbreit!
    Robert

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